
Die kurze Antwort: in den allermeisten Fällen ja. Moderne Wärmepumpen mit dem natürlichen Kältemittel R290, also Propan, erreichen je nach Modell 70 bis 75 Grad Vorlauftemperatur. Sie machen das Heizungswasser damit so heiß wie eine Öl- oder Gasheizung. Nur brauchen Sie das fast nie. Im Bestand kommen wir praktisch immer mit 55 bis maximal 60 Grad aus, ohne einen einzigen Heizkörper zu tauschen.
Die interessantere Frage ist deshalb nicht, wie heiß eine Wärmepumpe kann. Sondern wie kühl Ihr Haus darf. Das können Sie im kommenden Winter selbst herausfinden, an Ihrer jetzigen Heizung, ohne dass es einen Euro kostet.
Was die Vorlauftemperatur ist und warum sie über Ihre Stromrechnung entscheidet
Die Vorlauftemperatur ist die Temperatur des Heizungswassers, das zu den Heizkörpern geht. Was abgekühlt zurückkommt, heißt Rücklauf. Bei einer Öl- oder Gasheizung spielt sie für den Verbrauch nur eine kleine Rolle, der Brenner macht 70 Grad fast so günstig wie 50 Grad.
Bei der Wärmepumpe ist genau das anders. Sie holt Wärme aus der Außenluft und hebt sie auf Heiztemperatur. Je größer dieser Sprung, desto mehr Strom kostet er. Bei 3 Grad Außentemperatur und 35 Grad Vorlauf muss die Anlage rund 32 Kelvin überbrücken, bei 55 Grad Vorlauf sind es 52 Kelvin. Gleiches Haus, gleiche Anlage, spürbar andere Stromrechnung.
Der Maßstab dafür ist die Jahresarbeitszahl, kurz JAZ. Sie sagt, wie viele Kilowattstunden Wärme aus einer Kilowattstunde Strom werden. Im Fraunhofer-Feldtest „WP-QS im Bestand“ (Abschlussbericht November 2025) kamen Luft-Wasser-Wärmepumpen im Auswertungsjahr 2024 im Mittel auf eine Jahresarbeitszahl von 3,4, das ist der Wert für Heizung und Warmwasser zusammen. Für die Raumheizung allein waren es 3,9. Vermessen wurden Geräte der Einbaujahre 2012 bis 2023 in Häusern der Baujahre 1826 bis 2001; im Vorgängerprojekt mit älterer Technik lag der Schnitt noch bei 3,1.
Wie stark die Vorlauftemperatur durchschlägt, zeigt derselbe Feldtest. Anlagen mit einer Heizkreis-Mitteltemperatur unter 35 Grad erreichten eine Jahresarbeitszahl von 3,7, Anlagen darüber lagen im Median bei 3,0. Zwischen beiden Gruppen liegen gut acht Kelvin und rund 18 Prozent Effizienz, also grob zwei Prozent je Grad. Als Größenordnung taugt das, als exakte Rechengröße nicht, denn die Streuung zwischen einzelnen Anlagen ist erheblich. Die Richtung stimmt über den ganzen Datensatz. Deshalb reden wir bei jeder Planung zuerst über Hydraulik und Temperaturen und erst danach über das Gerät.
Wie heiß wird eine Wärmepumpe wirklich?
Die 70 bis 75 Grad stehen in den Planungsunterlagen der Hersteller, sie gelten aber nicht bei jeder Außentemperatur. Ein weit verbreitetes Gerät hält seine 75 Grad nur bis etwa 0 Grad draußen, bei minus 10 Grad sind es noch rund 65 Grad. Andere Baureihen halten 70 Grad bis minus 10 Grad, wieder andere 75 Grad bis minus 15 Grad. Ausgerechnet an den Tagen, an denen man die hohe Vorlauftemperatur bräuchte, ist am wenigsten davon übrig. Manche Hersteller geben den Spitzenwert außerdem nur mit zugeschaltetem Elektroheizstab an.
Dazu kommt der Preis. Wer eine Anlage statt auf 35 Grad auf 55 Grad auslegt, verliert rund 20 bis 30 Prozent Jahreseffizienz. Dieser Abstand zieht sich quer durch die Herstellerangaben und durch die Messungen unabhängiger Prüfzentren. Bei 65 Grad Vorlauf fallen die Leistungszahlen einzelner Betriebspunkte auf Werte um 1,6 bis 2,3.
In der Praxis stellt sich die Frage kaum. Im Fraunhofer-Feldtest lag die mittlere Heizkreistemperatur der Bestandsanlagen bei 35,6 Grad, und selbst an den kältesten Tagen erreichten die meisten Anlagen im Tagesmittel 40 bis 59 Grad. Keine einzige Anlage im Feld brauchte 70 oder 75 Grad. Wer eine Wärmepumpe dauerhaft auf 65 oder 70 Grad fährt, betreibt sie in der Nähe einer Elektroheizung. Wer sie bei 45 bis 55 Grad hält, hat ein Gerät, das sich rechnet.
Der Selbsttest: Vorlauftemperatur an Ihrer alten Heizung absenken
Der beste Wärmepumpen-Tauglichkeitstest kostet nichts und läuft an der Heizung, die schon im Keller steht. Sie senken die Vorlauftemperatur Ihrer Öl- oder Gasheizung schrittweise ab und schauen, ob es jemand merkt. Meistens merkt es niemand. Und weil Öl- und Gasheizungen fast immer zu hoch eingestellt sind, sparen Sie dabei sofort Brennstoff, ganz unabhängig davon, ob später eine Wärmepumpe kommt.
- Warten Sie die kalten Tage ab. Der Test taugt nur unter Last etwas. Sinnvoll sind Tage um den Gefrierpunkt und darunter, nicht die milde Übergangszeit im Oktober.
- Notieren Sie den Ausgangswert. An der Regelung steht eine feste Vorlauftemperatur oder eine Heizkurve. Fotografieren Sie die Einstellung, bevor Sie etwas verändern.
- Drehen Sie die Thermostatventile auf. Sonst testen Sie nicht die Vorlauftemperatur, sondern Ihre Ventilstellungen.
- Senken Sie in kleinen Schritten. Fünf Grad auf einmal, mehr nicht. Bei einer Heizkurve sind das grob 0,1 bis 0,2 weniger Steilheit. Große Sprünge verfälschen das Ergebnis, weil das Haus nicht hinterherkommt.
- Geben Sie dem Haus Zeit. Drei bis vier Tage pro Stufe, bei massiven Altbauten eher eine Woche. Wer nach zwei Stunden urteilt, urteilt über das Wetter.
- Achten Sie auf den ersten Raum, der abfällt. Dieser Raum ist Ihr Abbruchkriterium. Wird es dort nicht mehr richtig warm, sind Sie eine Stufe zu tief. Gehen Sie einen Schritt zurück und notieren Sie den Wert.
Das Warmwasser bleibt beim Test unangetastet, Trinkwasser wird aus hygienischen Gründen ohnehin höher erwärmt.
Am Ende haben Sie eine niedrigere Heizkostenrechnung und eine belastbare Zahl. Landen Sie bei 55 Grad oder darunter, ist Ihr Haus ohne weitere Maßnahmen wärmepumpentauglich. Landen Sie bei 60 bis 65 Grad, lohnt der Blick darauf, welcher einzelne Raum Sie dort festhält.
55 Grad heißt nicht, dass Ihr Haus 55 Grad braucht
Hier kippen die meisten Rechnungen. Die Vorlauftemperatur richtet sich nach dem schlechtesten Raum. Ein einziges Zimmer mit einem zu kleinen Heizkörper zwingt das ganze Haus auf ein höheres Niveau, obwohl alle anderen Räume mit 45 Grad auskämen. Sie heizen elf Räume unnötig heiß, damit einer warm wird.
Bevor daraus ein Heizkörpertausch wird, muss klar sein, ob der Raum zu wenig Heizfläche hat oder nur zu wenig Wasser bekommt. Genau das klärt der hydraulische Abgleich: Jeder Heizkörper bekommt die Wassermenge, die er für seinen Raum braucht. Ohne ihn versorgt sich der Heizkörper an der kurzen Leitung im Keller reichlich, während der am Ende des Strangs im Obergeschoss zu kurz kommt. In der Reihenfolge liegt der Trick: erst der Abgleich, dann lässt sich die Vorlauftemperatur überhaupt sinnvoll absenken. Wer umgekehrt vorgeht, senkt die Temperatur, friert im hintersten Zimmer und dreht alles wieder hoch.
Welcher Raum wie viel Wärme braucht, kommt aus der raumweisen Heizlastberechnung, der Grundlage für den Abgleich und für die Auslegung der Wärmepumpe. Für die KfW-Heizungsförderung sind beide ohnehin nachzuweisen.
Die Heizkurve muss den ganzen Winter passen, nicht bloß den kältesten Tag
Eine Wärmepumpe fährt keine feste Vorlauftemperatur, sondern eine Heizkurve: Je kälter es draußen wird, desto wärmer wird das Heizungswasser. Die Steilheit legt fest, wie stark die Temperatur mit sinkender Außentemperatur ansteigt. Das Niveau, oft Parallelverschiebung genannt, hebt oder senkt die ganze Kurve.
Der häufigste Fehler ist, die Kurve am kältesten Tag einzustellen und danach nie wieder anzufassen. Ihr Haus verbringt aber die wenigsten Stunden bei minus 10 Grad. Den Löwenanteil des Winters liegt die Außentemperatur zwischen 0 und 10 Grad, und dort entscheidet sich Ihr Jahresverbrauch. Eine zu steile Kurve fällt an Frosttagen nicht auf, kostet aber jeden milden Novembertag Geld. Justieren Sie deshalb nach dem ersten Winter nach: Schließen die Ventile in der Übergangszeit ständig, ist die Kurve zu steil. Wird es nur bei strengem Frost knapp, fehlt Niveau am oberen Ende.
Einzelne Heizkörper tauschen statt das ganze Haus
Wenn Ihr Haus nach dem Test bei 60 oder 65 Grad hängt, liegt das selten an allen Heizflächen. Es sind meist zwei oder drei Räume, klassischerweise ein großes Wohnzimmer mit einem Heizkörper aus der 75-Grad-Zeit oder ein später angebauter Raum.
Dafür gibt es zwei gute Wege. Großflächige Heizkörper mit mehr Tiefe und mehr Konvektionsblechen geben bei gleicher Wassertemperatur deutlich mehr Wärme ab. Oder Gebläsekonvektoren, also Heizkörper mit einem leisen Ventilator: Sie haben eine sehr große innere Fläche, ähnlich einer Fußbodenheizung, und geben die Wärme aktiv an die Raumluft ab. Beides zieht den kritischen Raum nach unten und mit ihm das ganze Haus.
Welche Heizkörper das sind, sagt die raumweise Heizlastberechnung ziemlich genau: Sie stellt Raum für Raum den Bedarf und die Leistung der vorhandenen Heizfläche gegenüber. Danach tauschen Sie zwei Heizkörper statt vierzehn. Das rechnet sich meist schnell, weil der niedrigere Vorlauf jede Betriebsstunde günstiger macht. Mehr dazu unter Muss ich meine Heizkörper für eine Wärmepumpe austauschen?
Der Regelungsfehler, der Kompressoren kostet: das Takten
Man kann sich eine Anlage auch mit lauter guten Absichten kaputtregeln. Es beginnt mit dem Wunsch, die Vorlauftemperatur besonders eng zu halten, weil niedrige Temperaturen ja effizient sind. Eine Wärmepumpe schaltet aber nicht bei einem exakten Wert an und aus, sondern in einem Fenster. Dieses Fenster heißt Hysterese, also die Differenz zwischen Einschalt- und Ausschalttemperatur. Ein Beispiel: Die Anlage soll 45 Grad Vorlauf halten. Springt sie bei 43 Grad an und schaltet bei 46 Grad ab, ist das Fenster viel zu eng. Sie erreicht nach kurzer Zeit ihre 46 Grad, schaltet ab, das Wasser kühlt in wenigen Minuten auf 43 Grad, und das Spiel beginnt von vorn. Das nennt man Takten.
Besser sind Fenster wie 40 bis 46 Grad oder 42 bis 48 Grad. Die Anlage läuft dann länger am Stück und startet über den Tag ein Vielfaches seltener. Wie groß das Fenster sein sollte, hängt am Wasserinhalt und an der Trägheit des Systems. Ein Haus mit viel Wasser in Leitungen, Heizkörpern und Pufferspeicher hält die Temperatur lange, ein System mit wenig Wasserinhalt kühlt schnell aus und braucht mehr Spielraum. Das sind Erfahrungswerte, die sich oft erst nach einigen Wochen im echten Betrieb zeigen.
Achten Sie im ersten Winter darauf, wie oft die Anlage anspringt. Geht sie ständig an und aus, vergrößern Sie die Hysterese: etwas weiter abkühlen lassen, bevor sie startet, etwas höher heizen, bevor sie abschaltet. Jeder Start belastet den Kompressor. Es nützt niemandem, über ein enges Temperaturfenster ein paar Prozent Effizienz zu holen und dafür nach fünf Jahren den Kompressor zu ersetzen.
Takten hat allerdings nicht immer die Regelung als Ursache. Zu flinke Heizkreise, eine falsch eingesetzte hydraulische Weiche oder eine deutlich überdimensionierte Wärmepumpe erzeugen dasselbe Bild. Das ist dann eine Frage der Installation und der Auslegung.
Sonderfall Photovoltaik: bewusst höher fahren
Wer Photovoltaik auf dem Dach hat, kennt den umgekehrten Fall. Scheint die Sonne, ist der eigene Strom günstiger als der aus dem Netz. Dann heizt man mit Absicht wärmer als nötig: höhere Trinkwassertemperatur, mehr Temperatur im Pufferspeicher, höherer Vorlauf, um das Haus vorzuwärmen. Die Effizienz sinkt dabei zwangsläufig, die Kosten sinken trotzdem, weil die zusätzliche Kilowattstunde vom eigenen Dach kommt. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen eine niedrigere Jahresarbeitszahl die richtige Entscheidung ist.
Wann alte Heizkörper wirklich nicht reichen
Diese Fälle gibt es, sie sind nur seltener, als die Diskussion vermuten lässt. Kritisch wird es bei sehr kleinen Guss- oder Rippenheizkörpern in großen, schlecht gedämmten Räumen und bei Zimmern, die schon mit der alten Heizung bei 70 Grad nie richtig warm wurden. Wenn ein Raum heute nur mit voll aufgedrehtem Ventil und hoher Kesseltemperatur auf Temperatur kommt, wird er mit 55 Grad nicht auskommen. Bäder sind oft ein Sonderfall, weil dort eine höhere Raumtemperatur gewünscht ist und der Handtuchheizkörper wenig Leistung hat.
Ein Ausschlusskriterium für die Wärmepumpe ist das nicht, sondern eine Aufgabenliste: Heizfläche tauschen, einen Gebläsekonvektor ergänzen oder in einem Raum eine Fußbodenheizung legen. Erst wenn ein Haus flächendeckend so aussieht und ohnehin eine Sanierung ansteht, gehört die Reihenfolge größer gedacht. Mehr dazu im Überblick zur Wärmepumpe im Altbau.
Was Sie jetzt tun können
Machen Sie den Selbsttest im nächsten Winter. Er kostet nichts, senkt sofort Ihre Heizkosten und liefert die Zahl, auf die es bei der Frage nach der Wärmepumpe ankommt. Was daraus für Ihr Haus folgt, rechnen wir raumweise durch, mit Ihrer Heizlast und Ihren Heizkörpern.
Wird daraus eine Wärmepumpe, greift die KfW-Heizungsförderung: 30 % Grundförderung, für selbstnutzende Eigentümer zusätzlich 16 % Klimageschwindigkeitsbonus beim Austausch einer alten Heizung sowie ein Einkommensbonus von 40, 30 oder 10 % je nach zu versteuerndem Haushaltseinkommen. Gedeckelt ist die Summe bei 80 % je Wohneinheit, die förderfähigen Kosten liegen für die erste Wohneinheit bei 28.000 Euro.
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Mehr zum Thema: Hydraulischer Abgleich, Muss ich meine Heizkörper austauschen?, Jahresarbeitszahl verbessern und Wärmepumpe im Altbau.
Feldwerte zu Jahresarbeitszahl und Heizkreistemperatur: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Projekt „WP-QS im Bestand“, Abschlussbericht „Wärmepumpen in Bestandsgebäuden“ vom 3. November 2025; Hauptauswertungszeitraum ist das Kalenderjahr 2024, vermessen wurden Luft-Wasser-Wärmepumpen der Einbaujahre 2012 bis 2023. Angaben zu maximalen Vorlauftemperaturen und Leistungszahlen aus den Planungsunterlagen der Hersteller und aus Prüfergebnissen nach EN 14511 und EN 14825. Förderangaben nach der KfW-Heizungsförderung (Programm 458), Stand 21. Juli 2026; maßgeblich sind die geltenden KfW-Richtlinien.

Stefan Kathmeyer
Wärmepumpen Spezialist
sk@waermepumpe-installateur.de
Beitrag erstellt am 06.08.2026
Beitrag bearbeitet am 07.08.2026